Der eingebildete Kranke

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Vor gut einem halben Jahr bekam ich unverlangt ein Buch zugesandt.  Es handelte sich um den Erfahrungsbericht eines Hypochonders, erschienen 2006. Im Begleitschreiben bat die Verlegerin um eine Rezension; Titel, Aufmachung und Erscheinungsjahr machten aber nicht Lust darauf, dieser Bitte auch nachzukommen. Bis ich das Buch vor kurzem dann doch zur Hand nahm.


Der szenische Einstieg übte einen regelrechten Sog auf mich aus. Darin beschreibt der Autor, wie seine schwer kranke Mutter nach vielen Irrungen letztlich ihre Diagnose erhält: amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS. Dabei handelt es sich um eine Nervenerkrankung, die mit einer fortschreitenden Lähmung der Muskeln einhergeht. Die durchschnittliche Überlebensdauer nach Diagnosestellung beträgt drei Jahre, der Tod wird meist durch eine Atemlähmung hervorgerufen.

Mit diesem Ereignis begann für den Autor seine eigene Karriere als Hypochonder. Er entdeckte ebenfalls Symptome der ALS an sich und ließ sich nur mühsam davon überzeugen, nicht betroffen zu sein. Kurz darauf folgten andere Auffälligkeiten, die er nach ausgedehnten Eigenrecherchen als Zeichen von Krebs und ähnlich schweren Erkrankungen deutete. Er hetzte von einem Arzt zum anderen, erzwang immer neue Untersuchungen und beharrte dennoch darauf, ein Todeskandidat zu sein.

Je länger ich in dem Buch las, umso mehr verwandelte sich meine anfängliche Empathie gegenüber dem Autor in eine ausgeprägte Antipathie.  Der Gipfel war für mich erreicht, als er eine nächtliche Episode als Nahtoderlebnis deutete. Ich hielt die ganze Geschichte für hoffnungslos übertrieben und schalt den Autor insgeheim einen Jammerlappen, der sinnlos die begrenzten Ressourcen unseres Gesundheitssystems in Anspruch nahm und bewusst oder unbewusst darauf hoffte, maximale Schonung und Zuwendung zu erfahren.

Erst nach einer mehrtägigen Lesepause kamen mir Zweifel. War meine Antipathie wirklich gerechtfertigt? War der Autor nicht sehr wohl krank, nur eben anders als er dachte? Hatte ich es mir zu leicht gemacht?

Tatsächlich gilt die Hypochondrie ja als ernstzunehmende psychische Störung. Ich aber hatte mit Unverständnis und Ablehnung auf die Probleme des Autors reagiert – ganz so, wie es auch mancher seiner Ärzte im Laufe der Betreuung tat und den eingebildeten Kranken damit in die Arme des nächsten Arztes trieb.

Eine derartige Dynamik wird sich in deutschen Arztpraxen häufiger ereignen. Und sie dürfte verhindern, dass Hypochonder frühzeitig als solche erkannt und behandelt werden. Damit aber hat das Buch durchaus einen Stellenwert. Denn wer sich durch die Krankengeschichte des Autors gekämpft hat, wird bewusster auf Anzeichen einer hypochondrischen Störung achten – und womöglich dem Patienten, sich selbst und dem Gesundheitssystem eine Reihe unnötiger Leistungen ersparen.

Bibliografische Angaben
Ernst Kaufs “Ich habe Angst vor Krankheiten”, erschienen im Tribut-Verlag 2006; 103 Seiten für 9,80 €


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