Die Mogelpackung – nur wer bemogelt hier wen?

Am 19.7. erschien in der SZ nun zum zweiten Mal innerhalb relativ kurzer Zeit
ein Artikel zur ‘personalisierten Medizin‘. Der Autor stellt darin erneut die These auf,
dass es sich bei diesem Begriff um nichts anderes als eine PR-Strategie der Pharmaindustrie
und interessierter Wissenschaftler handelt. Untermauern tut er diese These leider nicht.

Zunächst steigt der Autor mit einer Begriffsdefinition der personalisierten Medizin ein,
die angreifbar ist. Er unterstellt, dass Patienten darunter  die “längst nötige Besinnung der
Medizin auf den wahren Kern der Heilkunde – “ein intensives Arzt-Patienten-Verhältnis, das
von Respekt und Verständnis geprägt ist” – verstehen. Ich unterstelle, dass die meisten Patienten
dies als ganzheiltiche Medizin bezeichnen würden und mit personalisierter Medizin nicht viel
anfangen können. Und Fachleute füllen den Begriff  ‘personalisierte Medizin‘  – je nach eigener
Anschauung – ohnehin mit unterschiedlichen Inhalten.  Ihn auf eine vermeintliche Sichtweise
von Patienten zu verengen, greift zu kurz.

Weiter ist die Quellenlage des Beitrags recht dürftig. Der Autor zitiert das Editorial eines Fachmagazins und führt Äußerungen von Wolf-Dieter Ludwig, den Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, ins Feld. Dabei handelt es sich um Meinungsäußerungen, die im Falle von Herrn Ludwig auf ein Schlagwort – personalisierte Medizin als “Science-fiction” – reduziert werden. Viele weitere Aussagen des Beitrags schwadronieren im Ungefähren.

Das ist bedauerlich. Denn es ist in jedem Fall zu begrüßen, wenn Medizinjournalisten windige PR-Strategien der Pharmaindustrie entlarven. Hier wird jedoch das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Was soll daran schlecht sein, wenn Ärzte Medikamente nicht mehr nach dem Gießkannenprinzip verordnen müssen, sondern Mittel an der Hand haben, um das individuelle Risiko-Nutzen-Profil einzuschätzen? Es ließen sich nämlich durchaus Maßnahmen zugunsten einer personalisierten Medizin in diesem Sinne aufführen. Dass sie abgesehen davon noch in den Kinderschuhen steckt, macht das oder die Konzepte nicht per se schon schlecht. Und die Entscheidungsträger im Gesundheitssystem müssen es ja nicht der Pharmaindustrie überlassen, den Begriff zu okkupieren und neue Krankheiten zu definieren, sodass die Medikamente dagegen der Nutzenbewertung nach dem AMNOG entkommen.

Zum SZ-Beitrag


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