WHO stuft Handystrahlung als möglicherweise krebserregend ein

„Krebsrisiko bei intensiver Handy-Nutzung“ titelt heute die Süddeutsche Zeitung. Angesichts der Ergebnisse der zugrundeliegenden Studie, ist diese Schlagzeile für meinen Geschmack zu effektheischerisch und irreführend.

Aufhänger für den SZ-Beitrag ist eine Veröffentlichung der WHO, wonach die von Handys ausgehende Strahlung als möglicherweise krebserregend eingestuft wird. Diese Einstufung beruht ihrerseits auf der Interphone-Studie. In dieser Arbeit wurde der Zusammenhang zwischen Handy-Nutzung und bestimmten Gehirntumoren auf bislang umfangreichste Weise untersucht. Das je nach Sichtweise auffälligste Resultat: Teilnehmer, die ihr Handy sehr intensiv nutzten, erkrankten 1,4 mal so oft an einem Gliom, wie Teilnehmer, die ihr Handy nie regelmäßig nutzten. Wie soll man nun mit dieser abstrakten Information umgehen? Dazu einige Anmerkungen.

  • Das Konfidenzintervall des Ergebnisses ist breit (1,03-1,89), das heißt, die Präzision des Ergebnisses eher gering.
  • Die Autoren der Studie weisen selbst auf die eingeschränkte Aussagekraft des Ergebnisses hin:
    There were suggestions of an increased risk of glioma at the highest exposure levels, but biases and error prevent a causal interpretation
  • Und schließlich handelt es sich bei dem Ergebnis um eine Angabe zur relativen Risikoerhöhung (40 %). Derartige Angaben wirken oft sehr eindrücklich, sind aber nur ein Teil der Wahrheit. Der andere Teil – das absolute Risiko – sollte stets mitbetrachtet werden. In Europa erkranken pro Jahr 5 von 100.000 Menschen an einem Gliom. Bei intensiven Handy-Nutzern wären es nach dem obigen Ergebnis 7 pro 100.000. Eine absolute Risikoerhöhung also von 0,002 %. Ohne zynisch sein zu wollen, aber das klingt schon weit weniger dramatisch.

Fall-Kontroll-Studien wie die Interphone generieren Hypothesen und können mögliche Zusammenhänge aufzeigen. Eine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen sie nicht. Dazu bedarf es Studien mit einem anderen Design. Und so ist es gut, dass Wissenschaftler ein wachsames Auge auf den Zusammenhang zwischen Handy-Strahlung und Krebsrisiko haben und dazu weitere Untersuchungen anstellen. Bis dahin sollten Journalisten mit ihrer Wortwahl die Ergebnisse nicht vorwegnehmen.

Zum SZ-Beitrag
Interphone-Studie
Pressemitteilung zur WHO-Einstufung der Handy-Strahlung als krebserregend


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